4 Thesen für eine radikale Entwurfshaltung

Entwurf und Haltung in einer Welt ohne Außen

*Radikale Narrative und spekulative Projekte als Haltung
Wir müssen uns in einen Aushandlungsprozess begeben. Das Urbane muss neu gefasst, rekonfiguriert und verwoben werden. (vgl. Sijmons, 2016). Um auf die Herausforderungen des Anthropozäns Antworten zu findenund handlungsfähig zu werden, benötigen wir neue Narrative, Strategien und Entwurfswerkzeuge um die komplexen und verwobenen territorialen Wirkräume zu erkunden und in ihnen zu intervenieren. Altbewährte romantisierte Naturkonzepte müssen dafür begraben werden. Natur ist tot.

 

Lang lebe die hybride Natur! Diese neuartigen anthropozänen Natur-Kultur-Hybriden (vgl. Haraway, 2003) zwingen uns zu einer radikalen Abkehr bekannter Denkmuster, hin zu neuartigen Ästhetiken, Ästhetiken des Vergänglichen, des Vergessenen, des Rauen, des Dynamischen und des Verwobenen. Indem sich Raumkategorien verändern, müssen auch wir unsere Positionen verändern.

 

Die Antworten und Projekte dafür liegen in den territorialen Fragestellungen unseres Zeitalters. Wir brauchen hierfür den großen Maßstab! Die verwobenen Prozesse sind nicht mehr über rein ästhetisch-räumliche Fragestellungen und festgesetzte Projektgrenzen fassbar oder mit vorgeschriebenen disziplinären Zuschreibungen gestaltbar. Intuitiv und poetisch können die radikalen Projektideen einer neuen spekulativen Praxis einer hybriden Planungsprofession gesellschaftliche Lösungen für multiple und resiliente Zukünfte generieren.

 


**Für neue Werkzeuge - Raumsuche:
stoffliche Territorien und Wirkräume lesen lernen

Für eine spekulative und radikale Praxis müssen wir uns neue Werkzeuge schaffen, Altbewährtes wiederentdecken und neue hybride Prozesse anstoßen. Um Abhängigkeiten fühlbar und räumlich greifbar zu machen, gilt es, gesetzte räumliche Grenzen als fluide zu betrachten und im Sinne eines sozio-metabolischen Geschehens, der Stadt als „sozio-natürlich verwobenen sozio-ökologischen Prozess“ (Swyngedouw, S.37, 2006), nachzuspüren und aufzudecken, welche Netzwerke, Verbindungen und Ansammlungen ein stoffliches Territorium konstituieren. In einer Welt ohne Außen sind wir stets Teil von multidimensionalen Prozessen und „eng verwobenen und interagierenden Entitäten zwischen Menschen, Natur und dem Digitalen.“ (Unholz, 2019)


Dieses neue Austarieren, eine konstante Raumsuche zwischen multiskalaren Betrachtungsweisen (in die Tiefe der Zeit und die Weiten der Räume), erfordert eine neue Art von dynamischer Kartographie, welche die verschiedenen Wirkkräfte und Sphären gegenwärtiger Territorien aufdeckt, verschneidet und bekannte Raumgrenzen sprengt. Diese Analysearbeit ist tief lokal verwurzelt, geerdet über den Filter des Ortes, seiner Entstehung, seiner Einschreibungen, seiner Topologien und seines Materialgeschehens. Über seine multitemporalen und multidimensionalen Verknüpfungen, Geschichten und
Wirkprozesse ist dieser außerdem welthaft vernetzt und agierend.

 

Wir sollten diese Einladungen aufgreifen, stets Grenzen unseres Denkens zu verschieben, verdeckte (materielle) Horizontalitäten aufzudecken, das Bewusstsein zu schaffen für die räumlichen Manifestierung planetarischer Verflechtungen, den materiellen und verschmolzenen Momenten. Dies „eröffnet uns eine neue Arena des Denken und Handeln in und mit Stadt.“ (Swyngedou, S.8, 2006)

 


***Pulsierende Choreografien
- verwobene Systeme räumlich-materieller Gerüste entwerfen

Um diese herausgeforderten Territorien gestalten zu können, ist es „essentiell die urbane Form tiefgreifend zu hinterfragen“ und ihr Verhältnis zu landschaftlichen Strukturen und urbanen Prozessen neu zu konfigurieren (vgl. Vigano, 2016). Dies ist die Suche nach neuen Hybriden zwischen Stadt und Land, welche diese in neuartige räumliche und funktionale Qualitäten übersetzen. Die multiplen Zukünfte und Unsicherheiten, welche auf territoriale Entwicklungen einwirken, benötigen einen robusten, resilienten und dynamischen Rahmen, der diese definiert und mit ihnen arbeitet. Dafür müssen wir die komplexen territorialen Problemgefüge und anthropozänen Herausforderungen durch Klimawandel, sich überlagernde Sphären der Techno- und Ökosphäre und demografischen Entwicklungen klar benennen und aufdecken.

 

Der Landschaftsarchitekt nimmt hierbei eine neue Position ein, als Vermittler und Choreograph (eines Materialgeschehens), welcher sich in diese komplexen Gefüge begibt und räumlich-materiell verwobene und dynamische Systeme entwirft. Ziel einer solchen territorialen Entwurfshaltung ist es, pulsierende Territorien zu erzeugen, welche in ihrer Offenheit und Flexibilität einen Abgesang auf rigide Masterpläne darstellen.

 


****Räume als bewegte Figuren denken
-Vibrierende Materialität und Molten Moments

Als räumliche Manifestierung der materiellen Kulturen benötigen wir neue Entwurfswerkzeuge und Raumkategorien, welche die neuartigen anthropozänen Ästhetiken, hybriden Funktionen und multiskalaren Abhängigkeiten greifbar machen, verschneiden und in gestalterisch wirksame und räumlich prägnante und dynamische Lösungen übersetzen. Sie sind Ausdruck der Beziehungen zwischen Wesen, Materialien und Prozessen und ermöglichen es neue Intimitäten, die geschmolzenen Momente der materiellen Kulturen, (wieder) zu entdecken. (vgl. Hutton, 2016)


In einer Welt ohne Außen sind die Ebenen des Territoriums und des Objektes untrennbar! Dies resultiert in der Entwicklung von Bewegten Figuren als Entwurfsaufgabe, welche multiskalar wirken und multiple Bedeutungs- und Nutzungsebenen ermöglichen. Durch eine „material-basierte Praxis“ (Reed, Lister, 2014) die mit pulsierender Materialität entwirft, werden Kathedralen der Materialität geschaffen, welche aus der „komplexen Interaktion aus anthropogenen Kräften und biologischen Systemen” und der Verschneidung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Zyklen neuartige Systeme
generieren. (vgl. Lokmann, 2018)