DEEP METROPOLIS

Uran als Agent für das Erzgebirge

_ oder wie aus einem peripheren Gebirge eine vertikale und horizontale Metropole entstehen kann

Strahlende Landschaften.

So titelte die Süddeutsche 2015 einen Artikel über die „fast harmonische“ Landschaft des Erzgebirges: Das Erzgebirge, ein vieldeutiges Bergmassiv in Sachsen und Tschechien, welches über Jahrhunderte hinweg anthropogen verändert und geprägt wurde, …  lokale Traditionen und Gebräuche ausgebildet hat und zu einem starken Identifikationsobjekt wurde, erfuhr vor allem in den letzten 60 Jahren eine enorme Überprägung durch den massiven Uranerzabbau bis in die vertikalen und horizontalen Tiefen der Landschaft  (Geomorphic Agent, Agency Uran). Hier wurde eine neue „Utopie getestet“ (Karlsch, 2007). Die Wismut, der russische Atomstaat innerhalb der DDR, stand im Mittelpunkt dieser Expedition.: hier sollte der Atomstaatsbürger ausgebildet werden, der für den Weltfrieden schürfte, atomare Sperrgebiete entstanden, Städte wurden abgerissen, neu gebaut; ein neues Berggeschrei hatte eingesetzt und mit sich ganze Regionen und die Welt verändert. Uran wurde zu einem planetarischen Wirkmaterial. Im Erzgebirge hinterließ es nach der Wende und dem damit einhergehenden Ende des Uranabbaus eine post.atomlandschaft, in der eine raue, verletze und strahlende Landschaft auf Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Traditionsbewusstsein traf. 

Wie wirkt Uran heute?

Das Erzgebirge ist heute in großen Teilen abgehängt, mit vergessenen Orten, gefangen in einer Art doppelten Peripherie im Spannungsfeld aus demografischen Problemen, Heimat und Identifikation, Nationalismus und ökonomischen und sozialen Konflikten. Besteht hier ein Zusammenhang zwischen dem intensiven Bearbeiten der Landschaft, dem verlorenen Bild und Rahmung von Natur, lokalen, aber auch globalen Veränderungen und dem Drang nach Heimat und Identifikation, nach dem Erzgebirgisch sein, einer Konservierung von etwas, was verloren scheint? So wird aktuell versucht, auf Grundlage dieses Gefühls und einer sogenannten Erlebnisheimat, das Erzgebirge unter dem Titel Montanregion als UNESCO Weltkulturerbe zu deklarieren (Antrag 2018, berg formt land schafft.).

Hier soll angesetzt werden und eine neue Strategien entwickelt werden, welche die Veränderungen des Gebirges, seine Dynamik und Überprägungen in den Mittelpunkt stellt und sich globalen Entwicklungen und Verbindungen öffnet.  Zielsetzung der Arbeit wird sein, das Erzgebirge zu decodieren als ein von Uran geprägten und gestalteten Raum. (“hybrid urban-territorial figures”, new relations between natural and artificial rationalities. (M. Barcelloni, 2015, p.5) Durch Bezugnahme auf weltweite Abbauprozesse werden zunächst planetarische Wirkräume aufgezeigt und Abbaugebiete analysiert, welche das deutsch-tschechische Erzgebirge tangieren und zu ihm überleiten: Uran wird als aktives Material mit gesellschaftlicher, morphologischer und landschaftlicher Wirkkraft betrachtet und analysiert.

Ebenen der Betrachtung: immanente Veränderungen, planetarische Verbindungen und Wirkräume und Reichweiten,: Abbau, Weiterverarbeitung, Atombombe, Geopolitik, Dynamiken der Globalisierung : Terrestrische Sichtweise (Latour) einnehmen

Zoom 1 : weltweite Vorkommnisse und Wirkräume- the nuclear anthropocene

Zoom 2: Erzgebirge und Tschechien – deep metropolis

 

Uran als Agent für das Erzgebirge

– Analysen und Metropole- Thesen

„approach is directing or redirecting towards what “constitutes urban territories”: time, lifecycles, impermanence, biotic and social relations. Territory is regarded “as expressions and acts of biopolitics.” Viganó proclaims a “new modernity”, an agency of natural elements, which are integrated in social space, as well as social space is integrated in ecological frames. (P. Viganó, 2013, p.5)

 

Kartografie der Werdensprozesse: Territory and Materiality –

Weltkonstituierung, bewegliche Materie

This leads to an understanding of the agents, that constantly shape the environments, in terms of habitats, natural, social and cultu­ral values and ideals. This demands a deep understanding of a site, the intelligence of ground as cultural artefact and product (Girot, 2015), paying special attention to “liminal and fringe conditions”, being characterised by their ever-shifting notion connected to economic, social and natural dynamics. (P. Viganó, 2015, p. 111)

„Uranium is an Actant. Uraniums radioactivity, its heavy and unstable nucleus, and its ubiquity in the earths crust, are facts that enable it to do things and make a difference. At the same time, ideas- formal and informal knowledges, natural and social sciences, ideologies and cultural practices, even emotions- also shape the encounter thats society has with matter and especially shape how it is transformed into technology and integrated into social, econonomic and political systems.“ (Burke, 2017)

Das Erzgebirge wird aus Sicht des Urans heraus analysiert, als Palimpsest von Prozessen und Aneignungen (Corboz), dessen Genese und spezifisches „Field of Forces“ (Schadler, 2017) erkundet wird. Hierbei werden folgende Themenkomplexe und Wirkmechanismen im Mittelpunkt stehen und die Analyse gliedern:

Identität- Uran- Landschaft -  Nationalismus – Peripherie

Zeit- Energie- Stoffe- Territorium

Uran- Wasser – Schlamm- Staub - Strahlung - Gesundheit – Energie – Geologie – Ökonomie

Durch dieses Spannungsfeld aus Territory und Materiality wird die Grundlage gelegt für eine Strategie, welche ausgehend von der Agency des Urans neue Perspektiven auf die vertikalen und horizontalen Schichtungen des Erzgebirges entwickelt. Das Erzgebirge mit seinen mehr als 1000 Stollen und 2000m tiefen Abbaustätten als tiefe und horizontale Metropolregion, eine rurale Metropole mit Geschichte, welche periphere Regionen verbindet und zwischen Tschechien und Sachsen neue landschaftliche und ökonomische Beziehungen aufbaut. Kann Uran als Impuls dienen, eine neue zusammenhängende Identität erarbeiten und neue intime Beziehungen aufbauen?

-------------------------------------------------------------------------------

Poröse Ästhetik – Uran als Wirkmaterial

Ausgehend von der erarbeiteten Strategie sollen räumliche Vorschläge und Interventionen für eine poröse Ästhetik zwischen Landschaft, Geologie und Uran für spezifische Orte im Erzgebirge erarbeitet werden. In Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren sollen räumliche Interventionen erarbeitet werden.